Der Garten der Lüste · Teil 15

Die butt music ist mock music

Oder wird moderne Musik karikiert, die in der Kapelle von Boschs Bruderschaft erklang?

In der Hölle des Bosch-Gartens, in der Lücke zwischen Harfe und Drehleier – beide groß wie zweistöckige Häuser – zwingen schwarze Teufel eine gedrängte Gruppe von Männern zu unangenehmem ‚Arsch-Gesang‘, der in einem Chorbuch und auf dem Hintern eines Mannes notiert ist. Der Chorbruder über den ‚Gesäß-Noten‘ – ihm selbst legt ein Teufel die Pfoten auf die Schultern – weist eigens darauf hin.

Musik auf dem Hintern und im Chorbuch

Vor einigen Jahren schaffte es die butt music in die Nachrichten. Eine US-amerikanische Studentin hatte 2014 aus dem Notenbild eine moderne Fassung gefiltert. Diese wurde in akustisch leicht historisierender, digitaler Form im Internet hörbar gemacht. Das fand mediale Aufmerksamkeit. Man findet die ‚Transkription‘ bis heute bei YouTube.

Freilich hatte es weniger beachtete Versuche, die Noten von Hintern und Chorbuch modern lesbar zu machen, schon seit Wilhelm Fraenger gegeben, natürlich ebenfalls von fachkompetenter Seite. Inzwischen hat man sich jedoch von Versuchen verabschiedet, aus der Notation auf dem Hintern eine Melodie, Tonstärke, Tonart usw. herauszulesen. Musikhistoriker bezeichnen das Detail als Karikatur einer Strichnotation, die kein tatsächliches Notenbild wiedergebe. Die butt music ist folglich eine mock music. Vielleicht aber, dazu gleich, ist sie als Geste zu interpretieren?

Wie hier über die musikalische Seite der Hölle notiert, war Bosch ‚geschworenes Mitglied‘ der Liebfrauen-Bruderschaft seiner Stadt, einer religiös-städtischen Vereinigung an der Hauptkirche der Stadt. Die ‚Geschworenen‘ waren für die Gottesdienste und alle religiösen Feste verantwortlich und hatten gewiss auch Entscheidungen in Bezug auf die Musik zu treffen. Wie involviert Bosch war, ist nicht bekannt.

Man kann also nur pauschal fragen: Hatte Bosch ein aktives Verhältnis zur Kirchenmusik seiner Zeit, vor allem zu ihren Innovationen? Der Einzug der Polyphonie war noch nicht lange her, und in den Klosterkirchen der Stadt wurde die Messe weiterhin nicht polyphonisch, sondern im alten gregorianischen Ernst musikalisch ausgestaltet. Wie verhielt Bosch sich zu den dichteren Noten- und Stimmgeflechten, zur Vermischung zwischen profaner und religiöser Musik zum Beispiel eines Pierre de la Rue? Der war 1489–1492 in ’s-Hertogenbosch, der Maler kannte ihn zweifelsfrei.

Immerhin ist ausdrücklich das Chorbuch malträtiert, die Musik zur Liturgie ist gemeint. Bestraft ist also ein Chor, der Dienst in der Kirche tut. Könnte es sein, dass Bosch die Musik in seiner Kirche zu artistisch war und damit zu wenig religiös erschien? Er war nicht mehr der Jüngste, ein Moderner wurde er nie. Eine Typik der Notenschriften sowohl im Chorbuch als auch auf dem Hintern ist die Vermassung und Unordnung der kleinteilig hingehuschten Noten. Vielleicht hat er, um bei Pierre de la Rue zu bleiben, dessen Kompositionen aus verschränkten sechsstimmigen Kanons, variierend fließend statt statisch symmetrisch, nicht akzeptiert?

Viele, 'gewaltig viele Noten', sagte der Kaiser später.

Gewiss ist mit der Vermassung die Verhöhnung der gottlobenden Musik, der des Maßes, der Zahl, als teuflische Antimusik an sich sehr gut getroffen. Die Szene als Kritik des Malers an der Musik in seiner Bruderschaft oder der modernen Praxis an sich zu verstehen, bleibt Spekulation. Doch waghalsig ist sie nicht. Da das Notenbild auf dem Hintern durchaus ein Auf und Ab erkennen lässt – was immer wieder provozieren wird, eine Melodie zu extrahieren – kann durchaus sein, dass seine Ausgangsmelodie etwas gewesen ist, das jeder kannte; das vielfach variierte ‚L’homme armé‘ – oder was auch immer, das er gründlich ins Lächerliche zu ziehen gedachte.

Man kann Bosch in seinen Werken über Sünde und Moral als einen Hardliner ohne Pardon lesen. Immerhin war die Musik in vollem Tempo in die Richtung unterwegs, die die Kirche dazu brachte, auf dem 1545 beginnenden Konzil zu Trient darüber zu diskutieren, ob man die Polyphonie wieder völlig aus der Liturgie verbannen und zu den gregorianischen Chorälen zurückkehren solle.

Ein Widerspruch bleibt. Man schrieb längst auf fünf Notenlinien. Warum zeichnet der Maler sowohl im Notenbuch als auch auf dem Hintern nur vier, wenn er doch die neue Musik hätte karikieren wollen? Zweifellos fanden ältere Chorbücher mit älteren Notationen weiterhin Verwendung. Im hier skizzierten Sinn müsste es bedeuten, Bosch habe mit dem wirren Notensturm auf den alten ehrwürdigen vier Linien den Missbrauch anzeigen wollen. Dass er mit der Notenmasse und -wirrnis die ältere Musik der vier Linien als altmodisch hätte karikieren wollen – das kann man wohl ausschließen.

So gesehen hätte Bosch also mit den dicht gesetzten vielen Noten einer für ihn unmöglich wendungsreichen, areligiösen Musik bereits die später berühmt gewordene Kritik des Kaisers an Mozart vorweggenommen: sehr schön, aber zu viele, ‚gewaltig viele Noten‘. Paradoxerweise liefert der Garten der Lüste zumindest auf der Mitteltafel die ästhetische Delikatesse und Raffinesse (und Frivolität), die der Maler so gesehen in der Musik verurteilt hätte.

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