Der Garten der Lüste · Teil 1

Ein Wunderwerk und ein Machwerk

Der Garten der irdischen Lüste ist komplex, detailliert, aber nicht kompliziert

Jheronimus Bosch: Der Garten der Lüste, Madrid, Prado.

Diese Seiten sind dem Garten der Lüste oder auch Garten der irdischen Lüste von Hieronymus Bosch gewidmet. Das viel bewunderte Triptychon ist kein Wimmelbild, sondern eine ausgeklügelte Komposition. Die Figuren und Gruppen sind nach einem exakten und faszinierenden Plan verteilt. Gleichwohl ist das Bild im Grunde nicht kompliziert. Es gründet logischerweise auf dem um 1500 – in gebildeten Kreisen – vorhandenen Wissen: zum Beispiel über die Seele und die Sinne, über den Traum und über sexuelle Moral und religiöse Erweckung. Das Triptychon bleibt freilich im Rahmen damals gültiger Vorurteile. Es ist ein witziges sinnliches und intellektuelles Wunderwerk und ein misogynes Machwerk.

Dass das bisher kaum bekannt ist liegt daran, dass das viel bestaunte und bewunderte Bild ein wenig heimtückisch daherkommt. Es versteckt seine Thesen in Ironie und Satire und im erotischen Treiben. Es lässt die Sinne frohlocken und blendet den Verstand. Damit entspricht es zwar der an Rätseln reichen Kunst des späten Mittelalters recht genau, vor allem der Literatur der Rhétoriqueurs, die um 1500 in ihrer Blüte lag, doch als Gemälde sind solche Rätsel ungewöhnlich.

Lange und in wechselnde Richtungen haben Kunsthistoriker nach dem Falschen gesucht. In den letzten Jahren schien die Kunstgeschichte sogar aufgegeben zu haben. Es wurde die These aufgestellt, dass der Garten der Lüste eine konkret fassbare Aussage verweigere und dass diese Intention aus neuen ästhetischen Prinzipien am Anfang des 16. Jahrhunderts resultiere.

Doch das sind Ausflüchte. Der Garten der irdischen Lüste kann verstanden werden. Das Bild enthält Instruktionen, wie es verstanden werden muss, ja, muss. Man kann ablesen, was der oder die Auftraggeber damit bezweckt haben.

Vielleicht bleiben einige dieser Bemerkungen an dieser Stelle noch unverständlich: Auf den folgenden Einträgen werden neue Wege in den Garten der Lüste geöffnet. Gewiss ist nicht alles Makulatur, was bisher über den Garten der Lüste geschrieben wurde, ganz und gar nicht. Vor allem die Analysen des Paradiesflügels durch Reindert L. Falkenburg (in seinem Buch von 2011) sind unverzichtbare Voraussetzungen. Doch der hier vorgestellte neue Ansatz ermöglicht ein viel detaillierteres Verstehen und führt viel weiter. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass das Triptychon erst damit verständlich wird.

Wie so viele andere war ich mit einer ‚Bosch-Initiation‘ in den Hieronymus-Bosch-Sumpf geraten. Für ein methodisches Problem wollte ich 1994 zunächst nur wissen, warum in der – heute aus dem Werk aussortierten – Kreuztragung in Gent der Blick des Christus nicht aus seinem Gesicht in der Mitte auf die Betrachter trifft, sondern aus einer unteren Ecke, vom Tuch der Veronika her, und was diese Verschiebung bewirke. Mir fielen Details auf, die in der Boschforschung nicht interessiert hatten – ich las in die Breite und Tiefe, und ich war gefangen.

Seitdem kämpfte ich mich durch das Unterholz dieses dichten Waldes ‚Bosch‘. Es gelang erste Schneisen zu schlagen und theologisch-ideologische Umrisse zu erkennen. Der Garten der Lüste öffnete sich einen Türspalt erst, als ich für eine geplante Monographie um 2012/13 ein Kapitel darüber verfassen wollte. Die Monographie scheiterte, nebenbei auch daran, dass sich der Türspalt nur langsam verbreiterte, mühsam und sukzessive, Schritt nach Schritt, manchmal mit Monaten und Quartalen dazwischen. Seit 2014 habe ich mich ausschließlich um dieses Bild bemüht. Die Frequenz der Heureka-Momente hat zwar mit der Zeit abgenommen, doch sind auch in jüngeren Jahren und Monaten und Wochen noch wichtige Klärungen gelungen, auch Korrekturen früherer Irrtümer und Ungenauigkeiten. Wesentliche Teile meiner Ergebnisse habe ich in Aufsätzen veröffentlich. Was noch aussteht, ist, die politische Bedeutung des Bildes herauszuarbeiten. Auch davon ahnt die Boschforschung, geblendet von Nacktheit und Erotik, bisher gar nichts. Das Triptychon diente vermutlich dazu, jemandem ordentlich eins ‚in die Fresse‘ zu geben (korrekt heißt es deutsch ‚auf die Fresse‘, doch ich bevorzuge die erste Formulierung).

Die Webseite enthält darüber hinaus bisher unveröffentlichte Ergebnisse und ich werde die Sammlung Stück für Stück erweitern.

Meine langwierige, an Sackgassen reiche Forschung hat ganz und gar keine Forschungsgelder verbraucht und mich wegen freilich selbst verschuldeter Scheuklappen ein ‚halbes Leben‘ und viele ‚Rentenpunkte‘ gekostet. Deshalb richte ich guten Gewissens mit diesem Angebot die Möglichkeit ein, mit einem kleinen oder großen finanziellen Beitrag an meinen zweifellos ‚exklusiven‘ Angeboten Anteil zu nehmen und den Fortgang zu fördern, und sei es als Geste mit dem Button für ‚einen Kaffee‘. In jedem Fall: Viel Vergnügen im Garten der irdischen Lüste.

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