Der Garten der Lüste · Teil 2

Psychologie I: Ein Rad der Sinne

Nicht gar so offensichtlich, ja verborgen, doch ausgiebig und raffiniert inszeniert

Um den Garten der Lüste zu verstehen, musste das System aus inneren und äußeren Sinnen im Vordergrund der Mitteltafel identifiziert werden. Zunächst wird jetzt der Kreis oder das Rad der Fünf Sinne erörtert, das heißt, die äußeren Sinne. Die Diskussion der Nabe des Rades der Sinne – der berühmte Muschel-Träger – und der inneren Sinne bzw. Geisteskräfte folgt auf separaten Seiten, siehe hier, und hier.

Mitteltafel, Vordergrund links, in der Landschaft verstecktes Rad der Sinne.

Links der Mitte sind fünf große hohle Fruchtschalen verteilt. Sie haben als Formen an sich und als Fruchtschalen durch Dirk Bax und Paul Vandenbroeck schon immense Ausdeutung erfahren, durchweg negativ. Das ist sehr erhellend, aber es ist nur die Färbung einer wichtigeren Funktion. Die 5er-Struktur war vor schon etlichen Jahren von einem Studentenprojekt zweier Universitäten aus Bayreuth und Berlin beobachtet worden, doch weitere Schritte unterblieben. Die das Projekt dokumentierenden Internetseiten sind leider verschwunden.

An und in diesen ‚Fruchtschalen‘ spielt sich ein erheblicher Teil des Vordergrundgeschehens ab. Tiere füttern Menschen, diese umarmen, berühren sich, sprechen miteinander. Sie sind bei heimlichen Vergnügungen, die man hinter der Schale nur erahnen kann. Kein anderes Bild der europäischen Kunstgeschichte ist delikater, das lustvolle Treiben an den Früchten mit dem Sexus zu kombinieren. Es geschieht ‚im Kopf der Betrachter‘, schrieb Reindert L. Falkenburg.

Verdeckte Mitteilung gehört zur Strategie des Bildes, zu seiner Methode. Dass das Rad der Sinne bislang übersehen wurde, hat seine Gründe. Es liegt in der Landschaft verborgen. Man muss die fünf bzw. sechs Elemente gleichsam hochklappen, muss das Sinnenrad imaginativ extrahieren. Gleichwohl darf man sicher sein, dass genau das gesehen werden soll: Denn die Bestandteile, vor allem im oberen Bereich, sind kompositorisch durch vielerlei Details aufwendig miteinander verbunden.

Das Rad ist ein schon älteres christliches Sinnen-Modell. Die fünf Sinne wurden darin durch Tiere symbolisiert. Erst langsam entwickelten sich szenische Darstellungen für die Sinne. Der berühmte Teppichzyklus der Dame mit dem Einhorn (um 1500) ist das berühmte Beispiel.

Das späte Mittelalter ging wie die Antike von fünf Sinnen aus: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten. Ihre Hierarchie blieb in den Grundzügen konstant. Verteilung und Hierarchie der Sinne im Garten der Lüste sind ist in den Grundzügen deutlich, darüber hinaus durch den Zusammenhang zu erschließen. Die Verteilung folgt einer christlich-moralischen Hierarchie und einem literarischen Text.

Auf der Mittelachse unten sollte der Geschmack gemeint ist: Der Mann wird gefüttert. Bei der im Uhrzeigersinn zweiten Fruchtschale ist bereits die spätere Ikonografie des Tastsinns zu erkennen.

Die sitzende Figur greift derjenigen, die sich zu ihr herabbeugt wie zu einem Kuss, mit gespreizten Fingern an das Kinn. Das ähnelt der Abbildung der Tastsinn im pseudoaugustinischen Libellus de anima et spiritu, gewissermaßen die ältere Fachliteratur. Außerdem scheint sich dort jemand an einem Dorn zu stechen. Die dritte Station mit der transparenten Kugel meint das Sehen. Das Sehen durch etwas hindurch ist als Transparenz besonders thematisiert.

Die Doppel-Kugel ironisiert die zwei Augen, wie sie in optischen Traktaten abgebildet wurden, man erkennt die anatomische Ordnung aus Sehnerv, Augenrund und Linse. Der intensive Minne-Blick zwischen den beiden Figuren spricht für sich – und für den Sehsinn.

Danach, ab der vierten Sinnenstation, wird die Zuordnung unsicher. Doch, abgesehen davon, dass sich in älterer Ikonographie eine Begründung für die oberen drei Sinne findet: Was sollte in einer 5-er-Struktur, in der Geschmack, Tastsinn und Sehsinn auftauchen, folgen? Zumal Geschmack und Tastsinn die unteren Kugeln besetzen, so wie sie als basale Sinne taxiert wurden. Zumal sinnigerweise der unterste Sinn, der Tastsinn, noch einmal einige Zentimeter näher an die vorderen Bildkante – an die Betrachter – gerückt ist?

Detail Szene Geruchssinn.

Den Geruchssinn symbolisiert die vierte Fruchtkugel mit überbordendem ‚Fäulnis-Bewuchs’ und mit übersatter Reife der Frucht, an der sich etliche Münder bemühen. Überreife, faulende Früchte werden wiederum ein reichliches Jahrhundert später diesen Sinn symbolisieren, wenn eine Konvention der Sinnesdarstellungen ausgearbeitet sein wird. Der Geruch der Distel, die sich von der letzten Sinnenstation zur Geruchs-Kugel herüberbeugt, versteht sich von selbst.

Bevor der fünfte Sinn, das Hören, zur Sprache kommt, muss unterstrichen werden, dass es sich bei diesem Rad der Fünf Sinne um keine neutrale Darstellung der Sinne handelt, sondern um ihren Missbrauch. Es sind die Augen des Körpers, nicht der Seele, die der Sehsinn anzeigt.

Detail Gehörsinn: Fast den Tod erleiden durch falsche süße Gesänge.

Bei der fünften Kugel – auf der Mittelachse des Bildes zurück – handelt es sich um das Hören vermutlich nach dem Bestiaire d’Amour von Richard de Fournival, Hören als ein Ergebnis des falschen – verführten – Hörens, das lähmt und tötet. Die laute Kohlmeise – Singvögel beleben später die konventionalisierten Gehör-Darstellungen – hat hier vermutlich sogar positive Bedeutung. Aber auf sie wurde offenbar nicht gehört.

Denn am ‚Ende‘ des Sinnen-Rades ist die fast tödliche Folge der falschen Lehre formuliert. Der appelllative Blick des knienden Mannes kommentiert den Wiederbelebungsversuch seines Nachbarn. Der Kreis ‚schließt’ mit der Todesbedrohung auf der Mittelachse zwischen verruchtem, durch allerlei Über-Kopf-Verirrung und Sex pervertierten Paradies-Brunnen oben und heimlicher (zu imaginierender) Fellatio unten.

Wie sehen kein traditionelles Rad der Sinne, weil dessen Darstellung mit Tieren bereits zu altmodisch war. Wir sehen keine Szenenfolge wie sie ab dem späten 16. Jahrhundert relativ konstant blieb, weil diese Jahre noch nicht gekommen waren. Die szenische Darstellung war noch nicht konventionalisiert, der Maler beackert Neuland. Er teilte die Sinne nach der übereinstimmenden Hierarchie ein – Tast- und Geschmackssinn als untere Sinne – und griff möglicherweise auf Richard de Fournival zurück, dessen Bestiaire d’Amour in Burgundischen Bibliotheken vorhanden war. Richard de Fournival zufolge sind es ausdrücklich die drei Sinne Sehen, Riechen und Hören, mit denen der Betörte der Dame erliegt und den symbolischen Liebestod erleidet. Deshalb also, noch einmal, sehen wir unten Geschmack und Tastsinn und von links nach rechts oben Sehsinn, Geruch und das ‚finale‘ Hören.

Wie sich zeigte, dienen die Fünf Sinne nicht dazu – wie regelmäßig in der Literatur –, den unvorstellbaren Luxus zum Beispiel des Paradieses zu schildern, sondern es wird damit ein moralischer Ton angeschlagen. Das Rad der Sinne eröffnet eine eigene Sinnschicht des Gartens der Lüste. Wie der Kreis erst durch den Muschelträger, die ‚Nabe‘, zum traditionellen Rad vollendet wird, siehe hier.

Mitteltafel mit dem Rad der Sinne im linken unteren Drittel.

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