Der Garten der Lüste · Teil 5

Kopfüber im Vorschein der Hölle

Oder besteht noch die Chance, das böse Kleid auszuziehen?

Es geht immer auch schlimmer. Gleich links neben dem Verhaltensgebot, direkt an der Fruchtkugel für den Geschmackssinn, lehnen zwei Figuren überkopf. Diese Haltung zeigt ihre Gesinnung. Sie sind ganz und gar nicht aufrecht, sie sind nicht mehr nur gebeugt, wie rechts daneben. Sie stehen auf ihren Armen, kopfüber.

Von rechts nach links: Schlimm, aufrecht, schlimmer, am schlimmsten, am allerschlimmsten.

Mehrere Motive unterstreichen ihr Debakel. Die beiden Figuren tragen tierisch-pflanzliche Überwürfe. Man erkennt die Zacken und Säume der Hüllen um die weißlichen Körper. Im Garten der Lüste im Prado haben sie einen Pflanzenstengel bzw. einen Blütenstand mit Blütenblättern anstelle der Köpfe. Auf einer frühen Kopie sieht man dort verdrehte Köpfe, aber der Unterschied ändert nichts an der moralischen Argumentation.

Das Motiv des bösen Kleides, dass man sich – durch böses Verhalten – anziehen kann, geht auf Bernhard von Clairvaux zurück. In dessen so bildreichen Predigten über das Hohelied gibt es auch eine Passage, in der er über den Verlust der Ebenbildlichkeit mit Gott durch den Sündenfall spricht. Stattdessen habe der Mensch sich die Ähnlichkeit mit einem Tier eingehandelt. Doch das muss nicht auf alle Zeit so bleiben, denn der Mensch habe sich das sündhafte tierische Kleid nur übergezogen. Die alte Haut sei nicht verloren. Es kommt ihm darauf an, dass die sündhaft erworbene Tierähnlichkeit jederzeit wieder ‚ausgezogen‘ und die Gottähnlichkeit wieder errungen werden könne. In diesem Sinne sind die pflanzlichen und tierischen ‚Gewänder‘ der Figuren überkopf zu verstehen. Man kann Flügel identifizieren, die rechte Figur scheint von einer zerbrochenen Eischale umgeben, an ihr hängen merkwürdige Glockenblumenblüten.

Wieder wird mit der Bestrafung in der Hölle gedroht. Denn eine pflanzliche und tierische Metamorphose ist auch der Baum-Mensch mit seinen Ast-Beinen, mit seinem Ei-Körper und seiner tierischen Haut. Das heißt, die bei den Figuren kopfüber erst angezeigte Rückverwandlung vom Menschen zurück zu Tier und Pflanze ist alles andere als ein wildes Faschingsdurcheinander. Es ist kein topsy-turvy und der Baum-Mensch ist kein willkürliches Ungetüm. Die Verwandlungen stehen in einer eschatologischen Perspektive, sie zeigen die Bedrohungen der menschlichen Seele und deren Strafe als Rückverwandlung in der Hölle an.

Wie verworfen die beiden und vor allem die linke der Figuren kopfüber sind, beweist ein weiteres Motiv. Die innere Schicht der linken Figur ist tiefdunkelblau, dicht besät mit weißlich-gelblichen kleinen Punkten.

Das gleiche Design charakterisiert die Mausteufelin in der Hölle. Deshalb die Bezeichnung ‚am allerschlimmsten‘ in der Bildunterschrift. Die Figur rechts daneben, mit ihrem Überzug und ihrer Körperhaltung schon ‚am schlimmsten‘, verglichen mit den beiden nur gebeugten Männern nebenan, ist immerhin frei von dem teuflischen Design.

Nicht weniger wichtig ist schließlich das vierte Motiv dieser beiden Figuren. Es zeigt, wie ihre Verfehlung entsteht. Es ist wieder die linke, die ‚teuflische‘ Figur. Sie lehnt ihre Füße an die – immer negativ verstandene – Ente an. Einen Fuß steckt sie sogar in deren Federn oder unter ihren Bauch.

Das ist eine Parodie des Vorgangs im Paradies, bei dem Adam seinen linken Fuß an das Gewand des Schöpfers lehnt. Reindert L. Falkenburg hat diese Szene detailliert erörtert. Adam bekommt im ‚tiefen Schlaf‘ bei der Erschaffung Evas Anteil an der göttlichen Weisheit. Dieser innere Kontakt wird durch die Berührung von Adams linkem Fuß am Gewand – fast an den Zehen! – des Schöpfergottes angezeigt. Darüber hinaus legt Adam die Füße leicht überkreuz, was – mit Falkenburg – als Hinweis auf den Tod des ‚neuen Adam‘ Christus am Kreuz verstanden werden kann. Die Paradiesszene zieht ohnehin den Typus ‚Erschaffung/Geburt Evas‘ und den Antitypus ‚Geburt der Kirche‘ (am Kreuz Christi) zusammen, wie Falkenburg auch anhand der Bible Moralisé begründet.

Dieser hehren Bedeutung der Fuß-Gesten des Adam spottet die Figur über Kopf. Sie gründet ihr Schicksal auf die Ente, bzw. auf die tierische Gesinnung usw. Kein Wunder, dass sie teuflisch gekennzeichnet werden muss.

Es erweist sich somit, dass das Verhaltensgebot und die beiden Figuren überkopf zusammen verstanden werden müssen. Die Differenzierung des Verhaltens im Verhaltensgebot – es ist eine Verständnisinstruktion für das ganze Bild – wird links daneben durch zwei Figuren ergänzt, die sich ärger verhalten – was sich im Übrigen im erotischen Verkehr um diese Fruchtkugel, den Geschmackssinn, fortsetzt. An dieser Stelle sei nur noch darauf hingewiesen, wie intensiv die Verknüpfungen zwischen dem Baum-Menschen und den Figuren im Verhaltensgebot und daneben sind. Noch immer wird zuweilen die Meinung vertreten, die mittlere Tafel des Gartens der Lüste entfalte eine Utopie der freien, auch sexuellen Sinne. Das ist freilich ganz und gar unmöglich.

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