Der Garten der Lüste · Teil 4

Das ‚Verhaltensgebot‘ als Leseanweisung für das Bild

Körperhaltung als moralische Differenzierung: Die Kategorien ‚aufrecht‘ und ‚krumm‘ – mit Adam als Vorbild

Dass der Garten der Lüste eine Morallehre enthält, lässt bereits eine Gruppe vermuten, die im Zusammenhang des Sinnen-Rades als Verhaltensgebot verstanden werden muss. Die Szene ist darüber hinaus eine Leseanweisung für das gesamte Bild. Es handelt sich um die Dreiergruppe von Männern am unteren Bildrand rechts der Mitte – also unmittelbar am ‚Anfang’ des Sinnenkreises (zur Orientierung siehe Mitteltafel gesamt).

Das Trio ist leicht von seiner Umgebung isoliert. Die Gruppe ist hervorgehoben, weil sie einen Sonderstatus hat, sie vermittelt einen separaten Sinn-Anteil. Die hervorgehobene Gruppe gehört ohnehin zu den ‚Clustern’ im unteren Bildstreifen, die das Triptychon von Paradies bis Hölle besetzen. Verdichtet hat der Maler im Trio auch die Blicke aus der Mitteltafel. Sie sind an dieser Stelle – zwei blicken heraus – so intensiv wie im Paradies und in der Höhle in der unteren rechten Ecke.

Was geschieht: Zwei Männer hantieren als Parallelchoreografie der Körperbeugung an zwei verschiedenen Riesenbeeren. Der hintere schlägt gierig seine Zähne in das Erdbeerfruchtfleisch und blickt uns an. Der vordere hat die Augen geschlossen, sein Gesichtsausdruck vermittelt, er träume einen süßen Traum; seine linke Hand schmiegt sich ‚noch‘ an die Frucht. Der dritte Mann sitzt aufrecht dazwischen, was die parallel geduckte Körperhaltung der anderen betont. Er hält in der Hand eine Frucht in normaler Größe, wenn man sie als Erdbeere versteht.

Der mittlere aufrechte Mann und seine beiden Nachbarn unterscheiden sich in drei Punkten: Zwei sind gekrümmt, einer aufrecht. Zwei bemühen sich an riesigen Früchten, einer an einer kleinen. Zwei fressen oder träumen von dem Genuss, einer hält inne. Er kostet nicht, sondern greift die Frucht mit spitzen Fingern und hält mit offenem Mund inne, er zeigt den Vorgang, das Frucht-Essen. Sein Appell ist der unhörbare Satz, den wir verstehen müssen.

Der Vergleich mit der Paradiestafel hilft weiter. Der vorsichtig kostende beziehungsweise innehaltende Mann sitzt kerzengrade – wie Adam. Geradezu identisch stützt er seinen rechten Arm ab. Geduckt biegen sich dagegen die Rücken der beiden anderen Männer zum Halbrund. Die Genialität des Malers Bosch vermittelt bereits mit diesem Rückenbogen, der dem der Muschel des Muschelträgers und dem Ei-Körper des Baum-Menschen genau gleicht, die Tragik der ‚gekrümmten Menschen‘.

Denn anders denn als Figuren des homo curvatus (auch incurvatus, in sich gekrümmt), des Bildes für den sündhaften Menschen von Augustinus bis hin zu Luther, kann man sie kaum verstehen.

Zum Vergleich: Verhaltensgebot und Leseanweisung am unteren Bildrand.

Von Augustinus her meint das curvatus, dass der Mensch sich – seit dem Sündenfall – von den himmlischen Dingen abgewendet und den irdischen zugewendet – hingebeugt – habe. Nicht mehr Gott steht im Fokus dieses Menschen, sondern er kreise um sich selbst. Verallgemeinert unterscheidet die Metapher den Gott anschauenden und den sich und die Welt anschauenden Menschen, die sinnliche und die spirituelle Lebenseinstellung, letzthin den Weg zum Himmel oder zur Hölle.

In dieser Hinsicht ist aufschlussreich, dass der aufrecht sitzende Adam im Paradies erst in der Malereikampagne ‚aufgerichtet‘ worden ist. Die Unterzeichnung plante ihn noch auf dem Ellbogen abgestützt, also halb liegend. Das heißt, Adam ist mit voller Absicht als positives Beispiel etabliert worden – und der in der Dreiergruppe aufrecht sitzende Mann wiederholt es.

Die Szene ist eine Steilvorlage, weil allerorten in Bibel und religiösen Texten richtiges und falsches Verhalten gegenübergestellt und die rectio intentio gefordert wird. Die physische Haltung galt dabei als Ausdruck der spirituellen, die selbstverständlich das Ziel war.

Die Abstufung der beiden Gebeugten enthält nicht zu unterschlagende Unterschiede. Die eine Erdbeere ist rot und prächtig, mit grünem Blattkranz. Die andere ist blass rötlich, unnatürlich verformt, vertrocknet, aufgeplatzt. Doch hat der Mann hinten ein unnatürliches Gebilde auf dem Kopf, dass formcharakterlich der vertrockneten Frucht seines gekrümmten Pendants vorn ähnelt. Die beiden gekrümmten Männer gehören also nicht nur wegen ihrer Körperhaltung zusammen. Was das Trio anlangt, heißt das: Das Verhalten – aufrecht/gekrümmt – unterscheidet die drei Männer stärker als die verschiedene ‚Nahrung’ die beiden gekrümmten voneinander trennt.

Generell ist zu sagen, dass das Verhaltensgebot zur aufrechten Haltung auffordert und droht, dass die gekrümmte in die Hölle führe. Was ist die bevorzugte Handlung im Garten der irdischen Lüste? Es werden Früchte gegessen. Konkret, wörtlich, sind die vielen Details, bei denen die Figuren sich gegenseitig zu trinken anbieten und zu essen geben, von einer Ente und von Singvögeln gefüttert oder mit Früchten gelockt werden, nicht zu verstehen. Es ist anzunehmen, dass vor jeder anderen Bedeutungsebene – zum Beispiel der mystischen Süße – zunächst einmal der Gebrauch der Sinne gemeint ist.

Die erste Mahnung gilt dabei direkt dem maßvollen Gebrauch – wie die Größenverteilung der Früchte vermittelt. Darüber hinaus geht es ganz konkret um die Sinnlichkeit des Fleisches und ihre Gefahr – denn verborgener Sex ist ja auch angeboten. Der Garten der Lüste offenbart sich mit der Identifizierung des Sinnen-Kreises (siehe hier) und des Verhaltensgebotes als ein Essay über die Sinne und die Seele.

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