Psychologie III: Die Geisteskraft Verstand
Schlechte Voraussetzungen: Was die Seele mit den Signalen der Fünf Sinne macht
In der auffälligen 5er Struktur im Vordergrund links, halb auf dem Land, halb auf dem Wasser, liegt ein Rad der Sinne in der Landschaft versteckt (siehe hier). Der Geschmackssinn ist unten in die blaue Kugel platziert. Im Uhrzeigersinn folgen Tastsinn, Sehen und Riechen. Mit dem Hören – dem höchsten Sinn für das (auch religiöse) Verstehen – kommt der Kreis wieder auf der Mittelachse an.

Jeder Kreis hat eine Mitte, hier ist sie mindestens auffällig, was kein Zufall sein sollte. Denn jedes Rad der Fünf Sinne hat eine Nabe – unter anderem, weil in jeder im späten Mittelalter geltenden Wahrnehmungstheorie eine Fähigkeit kalkuliert wird, mit der die sinnlichen Signale für die weitere Verarbeitung aufbereitet werden.
Meist ist das ein sensus communis, der Gemeinsinn. Der Muschel-Träger offenbart mit seiner Last und dem vermutlich kopulierenden Paar die Summe der sündhaften Sinne als eklatante Unkeuschheit. Das ist keine Empfehlung, wie das Verhaltensgebot und daneben der Skandal der Figuren überkopf beweisen (siehe hier). Im Verhaltensgebot ist die tödliche ‚Beugung‘ des höllischen Baum-Menschen vorgezeichnet und in den Figuren kopfüber die Rückverwandlung in einen nur noch tierisch-pflanzlichen Seelenzustand.
Es geht also irgendwie um die Moral der Sinne, um die Seele und ihren Geist. In diesem Abschnitt wird erläutert, wie sich die mit den äußeren Sinnen begonnene Psychologie rechts fortsetzt. Tatsächlich ‚fortsetzt‘, denn angrenzend an die bleiche ‚Distelkugel’ auf der Mittelachse (Gehörsinn), ist gleichsam als logische Fortsetzung nach rechts eine 3er-Gruppe angefügt, in denen die sogenannten inneren Sinne oder die Geisteskräfte symbolisiert sind. Verstand, Gedächtnis, Beurteilungssinn, Phantasie und Imagination bauen bekanntlich wesentlich auf den Informationen der äußeren Sinne auf. Wir finden sie, wie sogleich begründet werden soll, im roten Baum-Zelt, im bräunlichen Portal in der Mitte und dem Anbau dahinter, schließlich in der bläulich-weißlichen Säulenform, die halb von Figuren im Vordergrund rechts halb verdeckt ist.
Keine Angst vor der Wissenschaft! Keine Angst, das sinnliche Paradies bleibt erhalten. Und allzu kompliziert ist die hier präsentierte Lesart, die den bisherigen Horizont erweitert und die Detailkenntnis radikal erhöht, auch nicht. Detailliert, ja, aber nicht kompliziert.

Versprechen kann ich, was hoffentlich die ersten Abschnitte schon belegen konnten: Vieles ist tatsächlich zu sehen. Der Maler Bosch kann weit mehr als Teufel. Er ist theologisch-intellektuell auf der Höhe und er findet witzige Lösungen. Nein, keine Angst, sondern Faszination und Respekt: Hat man das ganze System mit den äußeren Sinnen und inneren Geisteskräften, mit, um vorzugreifen, Traum und Erwachen, Zeitkomprimierung auf einen Flügelschlag, mit der Überblendung von Seelen-Trinität und Geschichtstheologie und anderes mehr erst einmal verstanden, ist es ungemein faszinierend.


Drei ‚Kleinarchitekturen‘ für die Geisteskräfte wie aus drei Gehirnventrikeln bekannt.
Der Reihe nach: Ausgehend von der Höhle unten rechts sind die drei genannten ‚Kleinarchitekturen‘ – ich finde kein besseres Wort – in die Diagonale gestellt; mit dem Baum-Zelt treffen sie, noch einmal, auf den Gehörsinn als Abschluss der Gruppe der äußeren Sinne in der bleichen Distel-Kugel. Es ist zu sehen: Diese drei Bauten in der Diagonale von der Höhle nach links oben verlangen, wenn man nicht annimmt, sie seien zufällig so eng und auf einer Linie angeordnet worden, eine Erklärung, und zwar als Trio.
Die Erklärung ist also: Sie dienen als Behausung für Geisteskräfte bzw. vertreten diese symbolisch. Es sei erinnert, dass diese Geisteskräfte um 1500 üblicherweise in drei Gehirnventrikeln verortet wurden. Die Albrecht Dürer zugeschriebene Kopfdarstellung mit fünf Geisteskräften in drei Kammern ist ein Beispiel dafür. Bosch hat sie im Garten der Lüste in drei Kleinarchitekturen verwandelt, die drei Gehirnkammern sind gleichsam nach außen platziert. Das war nicht Boschs Erfindung, wie im folgenden Abschnitt über Imagination, Gedächtnis, Phantasie und Beurteilungsvermögen (siehe hier) skizziert werden soll.
Zunächst also zum Baum-Zelt als Form für den Verstand. Oft wird das mit scharfer Kontur umgebene Baum-Zelt als Koralle bezeichnet, was formal falsch ist und in die Irre führt. Es ist eine rot hervorgehobene dreieckige Form, die durch die Öffnung ein Zelt assoziiert und durch die abgeschnittenen Äste einen Baum.
Die erste ikonografische Anregung zur Identifizierung des dreieckigen Baum-Zeltes als Verstand fand ich bei Conrad Gessner (1516-1565), dem Schweizer Universalgelehrten. Er versah seine Darstellung der Wahrnehmungstheorie des Aristoteles mit Illustrationen. Die Abbildungen informieren über das System der Sinne und der Geisteskräfte, die Zusammensetzung der menschlichen Seele und ihr Verhältnis zum göttlichen Geist. Selbstverständlich ist der jüngere Gessner keine Quelle für Bosch, sondern ein Beispiel, wie vielleicht auch ältere Gelehrte Aristoteles visualisiert haben.


Gessners Seelenstruktur mit dem kleinen dianoia-Dreieck, Boschs dreieckiges Baum-Zelt.
In der Figura sexta sind die höheren Sphären durch den Engel aus Kopf und Flügeln vertreten. Thema ist die Position des Menschen in der Schöpfung zwischen ‚unten‘ und ‚oben‘. Um nur auf das hier wesentliche einzugehen: Der größere Kreis unter der Engelssphäre enthält die Fünf Sinne (1-5), dargestellt als fünf unterschiedlich lange Linien. Sie treffen sich im sensus communis, dem kleinen Mittelkreis (6) als Zentrum der sinnlichen Wahrnehmung. Darüber sitzt die Imagination bzw. Phantasie (7). Den Schlussstein der seelischen Vorgänge bildet ein sehr kleines Dreieck (8). Es steht in Gesners Diagramm für dianoia. Als dianoia wird, je nachdem wie der Rückgriff auf die antiken Denker erfolgt, sowohl der diskursive Verstand (gegenüber der umfassenderen Vernunft) verstanden als auch die menschlich-beweglichen Verstandeskräfte gegenüber der göttlichen Weisheit insgesamt.
Kurz: die Ratio, die höchsten noch sinnlich-irdisch gespeisten Bereiche des menschlichen Geistes, in der Spitze auch diejenigen, mit denen er sich mit dem göttlichen Geist zu verbinden in der Lage ist: Denn dahin hinauf ragt die Spitze des dianoia-Dreiecks von Gessner.
Wir werden sogleich sehen, warum das wichtig ist, es muss noch eine Voraussetzung geliefert werden. Die Mitteltafel ist dreigeteilt. Dem oberen Bereich mit den Wassern der vier Paradiesflüsse, den vier Toren und dem Brunnen schließt sich der mittlere mit dem unkontrollierten Ritt um den Teich an. Das untere Drittel ist gefüllt mit den bleichen Gestalten, die sich an den Früchten laben und miteinander vergnügen. Warum gibt es diese Dreiteilung, und warum sind die oberen beiden Areale nur wenig voneinander geschieden, warum wächst jedoch zwischen dem mittleren und unteren eine ungemein dichte Hecke?

Die Erklärung ist folgende: Die Mitteltafel ist entsprechend der damals dominierenden Vorstellung von der Seele aufgeteilt: pflanzlich, tierisch, menschlich. Für eine genaue Erklärung verweise ich auf das zweite Kapitel über die Zeitstruktur des Bildes (das erste Kapitel siehe hier). Im Moment ist wichtig, dass die dichte Hecke den unteren vom mittleren Bereich so konsequent trennt, weil dort anima rationalis und animal sensitiva aufeinanderprallen, vereinfacht: Geist und Körper.
Was passiert also: Das Baum-Zelt (und zum Beispiel das Portal) ragt mit dunkler Spitze über die Hecke in den mittleren Bereich hinüber, in den sensitiven – gleichsam animalischen – Seelenteil.

Wegen dieser Positionierung gleichsam zwischen zwei Seelenschichten drängt sich ein einfacher Analogieschluss zu Gessner/Aristoteles auf. Das Dreieck des Baum-Zeltes befindet sich diagrammatisch-schematisch an der gleichen Position wie das dianoia-Dreieck bei Gesner, an der Grenze zwischen Körper und Geist. Der Clou allerdings – passend zum Missbrauch der Sinne – ist: Das Baum-Zelt ragt nicht in eine höhere Sphäre, wie bei Gessner/Aristoteles, sondern in die ‚tierische‘. Was wird so ein gespeister Verstand denken? Man sieht es in seiner Öffnung.

Soweit die Analyse durch die Position des Baum-Zeltes. Man sehe, wie es gleichsam als Finale des unteren Bilddrittels aufragt. Es ist rot betont und dort positioniert, wo ‚spitz auf spitz‘ zwei (nicht konsequente) Dreiecke von links und rechts und ein schräg lagerndes Dreieck von unten aufeinandertreffen.

Es ist ein Scharnier zwischen dem unteren Drittel und dem mittleren. Und es ist auch formal protegiert: ein Dreieck, das exakt gleichschenklig ist und bis auf wenige Millimeter Abweichung doppelt so hoch als breit!
Genau betrachtet, ist das Baum-Zelt also bereits per se eine höchst rationale Form. Kurz: Hier walten Maß und Zahl! Diese Auszeichnung der göttlichen Schöpfung unterscheidet das Baum-Zelt ausdrücklich von der Phantasie, wie zu zeigen sein wird. Sind es nur zufällig fünf größere Äste, von denen man die Stümpfe sieht, wie die fünf Sinne? Anders gesagt, die natürlichen Austriebe des Baumes sind zugunsten einer geistigen Form, zugunsten seiner Geometrie beschnitten.
Diese Details und die Platzierung sprechen dafür, dass es sich beim Baum-Zelt wie beim Dreieck Gessners um eine ‚Verstandesform‘ handelt. Die Positionierung ist – passend zu dem, was im Zelt geschieht – ein Debakel. Das Dreieck reicht, noch einmal anders formuliert, nicht in eine ‚Engels-Zone‘ hinauf, wie bei Gessner/Aristoteles, sondern ‚in den Leib hinab‘. Der Verstand wird denunziert. Diejenige Geisteskraft, die doch gerade dazu da ist, die verunreinigenden Einflüsse der Sinne zu reinigen, wird stattdessen beschmutzt vom Geist der prallen Testikel, der im Reiterkreis herrscht. Dass sich im Zelt die (fünf) Gliedmaßen überschneiden, wie wiederholt sexuelle Aktivität angedeutet wird, verwundert dann ebenso wenig wie das misogyne Spiel mit vaginalen Formen in der Öffnung, ob nun nach einer niederländischen Redewendung oder nach einer bildlichen Praxis, der auch Cranach der Ältere frönte (Goldenes Zeitalter, Oslo), oder nach beidem.