Der Garten der Lüste · Teil 3

Psychologie II: Die Nabe des Sinnenrades

Die Fünf Sinne haben einen anrüchigen ‚Lenker und Richter‘

Der in die Landschaft erstreckte Kreis mit den Fünf Sinnen hat eine ‚Nabe‘ in seiner Mitte, den Muschelträger. Die Figur macht schnell klar, dass frivole Mitwisser verlangt werden. In der Muschel liegt – so muss man annehmen – ein nacktes Paar, und zwar Frau und Mann. Schon wie die Körper beieinanderliegen, ist im damaligen Sinne verwerflich.

Die Summe der Sinne ist eine schwere Last der Sünde, sie macht den Rücken krumm.

Die kleinere Person, die Frau, liegt keinesfalls unter dem Mann, das widerspricht der für die Zeugung von Nachkommen vorgeschriebenen Stellung. Zuweilen wird auf Breughels Verwendung einer ähnlich benutzten Muschel in seiner Luxuria verwiesen, folglich wäre also auch im Garten der Lüste die Unkeuschheit gemeint. Das ist richtig, doch längst nicht alles.

Wenn man die 5er-Struktur der runden Fruchtschalen als die 5 Sinne verstanden hat, liegt die Schlussfolgerung auf der Hand, dass in der Mitte eine Nabe gemeint sein muss. Falls es noch ein Argument braucht, dass es sich bei den fünf Frucht-Schalen um die frühesten szenischen Darstellungen der Fünf Sinne handelt, ist es diese Nabe.

Zwar könnten die Fünf Sinne auch für sich genügen. Sie werden oft benutzt, um zum Beispiel die Wonnen des Paradieses zu schildern. Doch wenn es einen charakteristischen und auf die 5er-Struktur bezogenen sechsten Punkt gibt, dann schreit alles nach der psychologischen Erklärung. Hier insbesondere, weil der sechste Punkt in der Mitte liegt und die fünf Stationen zur 6er Form erweitert, zur traditionellen Gestalt des Sinnenrades. Aber auch, weil die Fünf Sinne im psychologischen Sinne allein unvollständig sind.

Denn wozu dienen die Sinne: zur Wahrnehmung der Außenwelt. In jeder Wahrnehmungstheorie des späten Mittelalters gibt es einen Punkt, meist schon zu den inneren Sinnen oder Geisteskräften gehörend, an dem die äußeren Sinne koordiniert werden. Deren Informationen sind an und für sich noch nicht viel wert, sie müssen durch innere Vorgänge erst verarbeitet werden. Erst dadurch gelangen die Eindrücke aus der Welt sinnvoll an Herz oder Kopf und werden für die Seele verfügbar. Verbindlich blieb ein sensus communis, ein Gemeinsinn, der den Strom der sinnlichen Außeninformationen zusammenfasst. Er bringt die Sinneseindrücke gleichsam in eine einheitliche Form. Thomas Leinkauf nannte ihn den „Konvergenz- und Einheitspunkt des gesamten Wahrnehmungsbereiches“, Augustinus den „Lenker und Richter“ (moderator et iudex) der Sinne.

Kurz, die sechste Position in der Mitte der 5-er-Struktur sollte den sensus communis, das basale systematische innere Vermögen der Seele meinen. Im Grunde war das in den älteren Sinnenrädern mit Tieren vorgebildet. Auch dort wurde zuweilen ein Mensch in die Mitte gesetzt – der sich von den Sinnen leiten lässt und dadurch seinen sündigen Tod verursacht. Die Nabe des Sinnen-Rades negativ zu besetzen, musste demzufolge für den Garten der Lüste nicht erfunden werden.

Doch Bosch bleibt auch in diesem Detail nicht allgemein. Die Muschel an sich ist eine freche misogyne Diagnose, ebenso wie die Paarungsszene. Denn was sagt sie aus: Der ‚Konvergenzpunkt‘, der ‚Lenker und Richter‘ einer ‚Muschel-Seele‘ summiert aus den Blicken, versuchten Küssen und durchaus anzüglichen Berührungen in den fünf Sinnes-Stationen den Sex in frivoler Stellung, Unkeuschheit pur.

Vermutlich muss man sogar wörtlich nehmen, dass ein Mann diese Muschel trägt, gewissermaßen als Ausdruck seines effeminierten Zustandes? Das soll hier ebenso wenig erörtert werden wie der Umstand, dass der Imagination spezielle Aufgaben gestellt werden.

Notiert sei nur noch, dass der gewaltige ‚Rückenbogen‘, den der Mann mit der Muschel bekommt, zwei Männern im (von mir) sogenannten Verhaltensgebot ähnelt und damit auch eine Verbindung zu Hölle hergestellt ist. Der Mann, der gleichsam als ‚Nabe’ der Sinne die Muschel trägt – man vergleiche den Bogen seines ‚Muschel-Rückens‘ –, beugt sich wie der Baum-Mensch mit seinem Ei-Rücken und blickt heraus wie dieser. Das Schicksal des Muschel-Trägers ist bedroht. Wenn er sich nicht ändert, wird er enden wie der höllische Baum-Mensch.

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