Der Garten der Lüste · Teil 10

Zeit I: Einen Herzschlag lang hinüber

Wenn zeitlose Ewigkeit und die Kürze eines Schmetterlingsschlages zusammenfallen

Die Konstruktion der Zeiten im Garten der Lüste könnte exklusiver nicht sein. Alpha und Omega, das ist der Rahmen. Das Triptychon beginnt auf der Außenansicht mit dem Anfang der Schöpfung und erreicht auf der Höllentafel nach den auch um 1500 noch kalkulierten 6000 Jahren Weltendauer das Ende.

Meist wird der dritte Tag der Schöpfung veranschlagt: Wasser und Land sind voneinander geschieden. Das kann man akzeptieren und muss es erweitern. Denn es liegt keine Beschreibung eines konkreten biblischen Augenblicks vor, sondern eine Interpretation der Schöpfung. Wesentlich darin sind zwei Elemente: zu einen die Präsenz des ewigen Lichtes, das heißt, die Ewigkeit von göttlicher Liebe und Gnade und deren Relevanz für die Schöpfung. Denn es ist Licht zu sehen, bevor die Gestirne geschöpft sind. Und es wird ein Licht-Zeichen gegeben. Das heißt, auf dem Sphärenrund wird das Licht des ersten Schöpfungstages reflektiert. Das ist das Licht schlechthin, als Gegensatz zur Finsternis: die göttliche Präsenz über Allem. Kein Zufall kann sein, dass dessen ‚Reflex‘ in der Grisaille die adäquate dreiteilige Form eines Regenbogens hat, wie er in der – schwarz-weißen – Grafik dominierte. Der Regenbogen ist das Zeichen, das Gott den Menschen nach der Sintflut als Zeichen des Bundes gab. Die Sintflut spielt hier keine Rolle, Bosch benutzt das Zeichen für seine Interpretation der Schöpfung: Hier, jetzt, in diesem Moment leuchtet das Licht, das die Finsternis besiegt.

Das zweite betonte Element, man könnte sagen, das Gegenteil des ersten, ist die mystische Simultaneität der Schöpfung. Im Grunde ist in dieser Spanne aus Ewigkeit und simultaner mystischer Schöpfung die gesamte Zeitkonstruktion des Triptychons bereits vorgebildet. Gottvater weist auf das Buch der Schöpfung und nach oben auf das Psalm-Zitat über beide Flügel: Ipse dixit et facta sunt. Ipse mandavit et creata suntDenn der Herr sprach und sogleich geschah es; er gebot und alles war da. (Ps 32,9, Zählung der Vulgata, auch 148,5).

Die zitierten Verse unterstreichen die unfassbare Gleichzeitigkeit der Schöpfung. Gott ist der durch menschlichen Verstand unbegreifliche creator, dessen Wort gebietet, der simultan und vom Nichts aus, de nihilo und simul, schöpft – und alles ist geschehen im Moment des göttlichen Willens, mit jenem „Hauch seines Mundes“, wie es drei Verse vor dem Zitat heißt.

Es ist der Punkt, seit welchem es Zeit erst gibt. Durch sechs Bücher zieht sich in Augustinus’ Erklärung der Genesis die Beschwörung, dass Gott alles zugleich geschaffen habe. Er bläut seinen Lesern ein, dass die Schöpfung aus einer zeitlosen Ewigkeit erfolgte, dass vorher nichts war, weil es kein vorher gab. Alles Geschöpfte hat nur seine eigene Zeit und kann nur in gnadenhaften Ausnahmen von der Ewigkeit – von Gott – ‚kosten’. Dies wird bis in die Neuzeit gelten.

Um dort weiter zu machen, auch wenn es hier noch nicht verständlich ist: Die eine Seite der innerhalb der Schöpfung angeschlagenen Zeit-Bestimmungen wird mit dem merkwürdigen Schmetterling aufgenommen. Er ist just dabei, auf der Distel zu landen, er ist kurz davor. Und seine Flügelstellung – halb geöffnet, halb geschlossen – zeigt ebenfalls diesen mystischen kurzen Moment an. Bei Augustinus ist es ein Herzschlag, bei Jan van Ruusbroec ein Wimpernschlag. Van Ruusbroec und andere benutzen auch den Blitzschlag, um jenen mystischen Moment zu beschreiben, wenn eine Seele kurz Einblick in die himmlische Wahrheit erlangt.

Er heißt „Kleiner Fuchs“ und ist ein Bote des Bösen.

Kurz noch zum Schmetterling, der hier in der charakteristischen Zeichnung eines „Kleinen Fuchses“ zwar zum vorderen Drittel gehört – er sitzt auf der Distel beim Gehörsinn und verbindet diesen gleichsam mit dem Geruchssinn. Doch ist er ein teuflischer Bote, der mit einem seiner Flügel in das mittlere Drittel reicht, dazu gleich.

Unteres Drittel der Mitteltafel mit dem Kleinen Fuchs zwischen Gehörsinn und Geruchssinn, mit l’âme pécheresse, der sündigen Seele in der Höhle rechts, just aus ihrem Traum erwacht.

Eine sündige Seele wacht rechts unten in der Höhle aus einem Traum auf. Sie ist wie alle Menschen per ‚Erbsünde‘ durch Adam und Eva beschädigt und ihr Traum ist ja auch nicht von schlechten Eltern (siehe hier). Alles was vor der Höhle auf der Mitteltafel abläuft, geschieht im Traum der Frau. Rhetorisch ist es raffiniert, sie just erwachen zu lassen: Beginn und Ende der Traumerzählung liegen am gleichen Ort und im gleichen Augenblick. Die Zeit des Traums reduziert sich auf null, was dem unterbrochenen Zeitkontinuum im Traum entspricht.

Zudem verschmelzen rhetorischer Kniff und allegorische Sinnerzeugung. Denn das Erwachen ist kein bloßes Ende einer Erzählung, sondern eine religiöse Leistung. Hier möchte ich nur nennen und als Behauptung stehen lassen, dass es in der Höhle ebenfalls ein Licht-Zeichen des religiösen, also des ‚spirituellen Erwachens‘ gibt. Wie diese Konversion auch gedacht wurde, immer ist dabei göttlicher Einfluss als notwendig erachtet worden, und er wurde nur kurz gewährt – als Blitzschlag, Herzschlag, hier also einen Schmetterlingsschlag lang. Wie unmittelbar vor der Höhle und in der Höhle eine Klammer für ein Traumformular erzeugt wird, das bezeugt auch den minimalen Moment: das Erwachen.

Nur noch auf ein Indiz für Plötzlichkeit im Bild sei hier verwiesen. Es besteht Übereinkunft, dass der besinnungslose Ritt um den Pool in der Bildmitte das negative Schicksal dokumentiert. Aber es gibt Hoffnung. Der Reiter auf dem Schimmel über der kleinen Lücke links im Kreis aber hat gerade die – unsichtbaren – Zügel ergriffen. Das ‚Anlegen der Zügel‘ war ein kontinuierliches Argument der moralischen Literatur. Der Reiter hat ein Zeichen von ‚oben‘ wahrgenommen und zieht seine Zügel an. Das Pferd stoppt sichtbar. Es stemmt seine Beine entgegen der Laufrichtung in den Boden, der Schwerpunkt liegt bereits hinten. Der Reiterkreis kommt ins Stocken, der böse Verlauf der Sünde und also Verwerfung ist gestoppt! Auch der Umstand, dass der Kreis offenbar durch ein Phantasie-Ungeheuer wieder aufgefüllt wird, hat einen moraltheologischen Hintergrund, im Moment interessiert aber nur der momenthaft kurze Stopp.

Hinweis von oben, und die Zügel werden angezogen.

Das ist großes Kino: Was auf der Außenansicht der Schöpfung mitgegeben worden war, wird in der Höhle an einer einzelnen Seele eingelöst, indem sie im Erwachen für einen Herzschlag teilhat an jener Ewigkeit. Denn keine Konversion ohne Gottes Beistand. Also kreuzen sich in der Höhle die Ewigkeit und der Herzschlag, weil es hienieden den göttlichen Geist nur sehr kurz zu kosten gibt. Der große Rahmen der Zeit, den die Außenansicht mit der Ewigkeit einerseits und der simultanen Schöpfung im ‚Hauch seines Mundes‘ andererseits installiert, wird im ‚Finale‘ des Bildes gleichsam erfüllt. Die Zeit hat sich erfüllt, heißt es in Markus 1,15. Es ist an sich Grundbestand der Theologie, als Bildanlage freilich genial. Wie das Triptychon innerhalb dieses Rahmens aus Ewigkeit und Jetzt zeitlich noch elaborierter ist, folgt hier.

Der besinnungslose Ritt um den Teich reißt kurz auf. Ein Riss tut sich auf, die Ewigkeit schaut herein. Dann aber geht es weiter, und auch das ist ein religiöses Motiv.

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