Der Garten der Lüste · Teil 9

Sex und Phantasie

Die Einbildungskraft nimmt die gern bereiten Betrachter gefangen – und wird als teuflisch und bizarr denunziert

Vom Sex, der angedeutet wird, aber unter der Oberfläche verborgen, war kurz schon die Rede. Reindert L. Falkenburg, dessen Ergebnisse über den Paradiesflügel wichtige Voraussetzungen für das Verständnis des Bildes sind, hat auch darauf hingewiesen. Der verborgene Sex gehört bei ihm zu den Aspekten des Bildes, die in der freundlichen Sonne der Mitteltafel ahnen lassen, dass dort etwas im Argen liegt – was anschließend auf der Höllentafel ausbricht. Ich beziehe mich hier lediglich auf drei, vier Details und erörtere das scheinbare Paradox, dass diese Szenen genau die Phantasie erfordern, die innerhalb der Geisteskräfte denunziert wird.

Vom Paar in der Muschel und seinem Sex, der gegen die Vorstellungen vom ehelichen Beischlaf zum Zwecke der Zeugung verstößt, war schon die Rede (siehe hier), auch von der ménage à trois in der Haube des Portals (siehe hier).

Offensichtliches erotisches Geplänkel und geheimer Sex beim Geschmackssinn.

Nur genannt wurde das pikante Geschehen um den Geschmackssinn. Sehr bedenklich verhält sich die Frau links mit den beiden Riesenkirschen auf dem Kopf. Ihre Frivolität ist im Wirrwarr der Gliedmaßen nicht sogleich zu bemerken. Übereinkunft besteht darüber, dass sich überkreuzende Gliedmaßen in solchen Situationen sexuelle Aktivität anzeigen. Die Frau berührt zwei Männer gleichzeitig, und nicht eben schüchtern. Sie berührt mit der rechten Hand den Mann hinter ihr am Oberschenkel und gleichzeitig zieht sie den Unterarm des Mannes links von ihr intim zu sich herüber. Wessen Geistes ihre Berührungen sind, verraten die beiden Kirschen auf ihrem Kopf. Die gleichen Kirschen hält der von der Ente gefütterte Mann in der Hand. Dort irritiert der überzählige Arm, der nach unten an den Fisch greift – Dirk Bax folgend vermutlich ein Penissymbol. Die Phantasie muss arbeiten, um sich den Körper für diesen Arm vorzustellen, die Körperhaltung und den Ort seines Kopfes. Wiederum geben die beiden runden Früchte – Testikel mit Stengel – die Richtung vor. Die Phantasie muss zusammensetzen, was hinter der Schale passiert.

Was macht und wie liegt die Figur, der der Fuß gehört?

Reindert Falkenburg empfahl, überall dort genauer hinzuschauen, wo Gesichter in eine gewisse somnambule Verzückung geraten sind. Beträfe das auch die leichte Verrückung im Blick der Frau beim Geruchssinn, wo ohnehin noch die Idee eines wirklichen Missbrauchs fehlte? Aber ehrlich gesagt, reicht meine Phantasie an dieser Stelle nicht aus, um eine heikle Verbindung zwischen der Frau und dem auffallenden linken Bein/Fuß auf der rechten Seite der Fruchtschale herzustellen.

Von einem weiteren verdächtigen Paar sind nur die beiden Köpfe zu sehen. Dem diesbezüglichen Geschehen in der Haube des Portals vergleichbar, ist der Blick des hinten stehenden Mannes klar. Die Augen der Figur vorn – ob Mann oder Frau – sind geschlossen, doch kaum im Schlaf. Die Gesten des oberhalb liegenden Paares bezeugen, dass dort darüber gesprochen wird, was unten passiert. Erik de Bruyn hat gezeigt, dass der blaue Kopf des Mannes ihn wegen literarischer Quellen als jemanden charakterisiert, der mit seinem Glied denkt. Seine Rechte zeigt nach unten. Sein Griff mit der linken Hand um die Frau herum an ihr Handgelenk pervertiert den Griff des Schöpfergottes an Evas Hand im Paradies und offenbart seine Absicht, es dem unteren Paar gleichzutun. Sie aber scheint reserviert.

Soweit dieses kleine Kamasutra, das zweifellos etwas Phantasie erfordert. Jetzt ist die Darstellung der Geisteskräfte (siehe hier, und hier) dahingehend zu ergänzen, was speziell über die Phantasie oder Einbildungskraft mitgeteilt wird. Vielleicht ist es überraschend: Im Garten der Lüste, einem ‚Goldstandard der Phantasie/Imagination‘, ist die kreative, erfindende Phantasie recht negativ bewertet.

Mit Gründen der Positionierung und des formalen Charakters ließen sich das Baum-Zelt-Dreieck als Symbol des Verstandes identifizieren, das beschmutzte Portal als die reproduzierende Imagination sowie der Anbau dahinter als Gedächtnis, aus dem im Schlaf die Inhalte nach vorn-oben drängen; die Pointe bildete die bewertende, estimative Szene der Vogeljungen-Fütterung hinter dem Baum-Zelt (siehe hier).

Indem die dritte Kleinarchitektur, der helle Säulenstumpf, als separate, aber mit Gedächtnis/Imagination sichtlich doch verbundene Station phantasia verstanden ist, lässt sich dann auch eine Schlussfolgerung für die vier ‚Paradiestore‘ im Hintergrund treffen.

Die Kleinarchitektur für die phantasia ist sehr labil. Eine glatte Muschel liegt auf dem Bewuchs der weißlich-bläulich-irrealen Säule wie in einem Nest (das ist ein Indiz für Animalität). Die schräge, unsichere Platzierung der Muschel wird vom labilen Stand des senkrechten marmornen Eis darüber noch übertroffen. Als Phantasie ist somit ein Formklima zelebriert, das zu warnen scheint, dass Phantasiegebilde zusammenbrechen können wie ein Kartenhaus.

Rund auf spitz variiert rund auf glatt. Die obere baseballähnliche Form hat links einen Diamantschnitt-Dorn, hier wie einen Schnabel. Dieser Dorn findet sich gleich dahinter noch einmal, nun an der bauchigen Form direkt am Ausgang des Anbaus. Damit ist eine Verbindung zwischen dem Anbau des Portals (reproduzierende Imagination/Gedächtnis) und der weißlich-bläulichen Säule (erfindende Phantasie) hergestellt. Dagegen gibt es keine Verbindung vom Portal nach links zum Baum-Zelt, zum Verstand. Denn der Verstand ruht im Schlaf und kann in das, was aus dem Gedächtnis in den Traum tritt, nicht eingreifen (siehe hier). Dagegen belegen die gedoppelten Diamantschnitt-Sporne eine Verbindung zwischen Gedächtnis und kreativer Phantasie.

Die spitzen Diamantschnitt-Dorne gibt es im Vordergrund nur hier und nur an einer Stelle im Hintergrund. Dort bekrönen Dornen die Pfeiler des linken Tores. Meiner Ansicht nach ist das kein Zufall, denn es wird ein quasi ‚formcharakterlicher‘ Zusammenhang sichtbar. Die irregulär-phantastischen Tore im Hintergrund sind das Ergebnis der wirren, labilen Phantasie im Vordergrund. Denn auch die kuriose Labilität der weißlich-bläulichen Säule als Form für die Phantasie gibt es im Vordergrund nur in diesem Symbol, rechts des Portals – und eben im Hintergrund.

Auf eine besonders labile Konstruktion sei hingewiesen. Auf der Spitze des zweiten Paradies-Tores von rechts hat der Maler eine wahrlich equilibristische Anordnung erfunden.

Um von oben zu beginnen: Die Figur, die an der vorderen Seite im halbschaligen ‚Boot‘ steht, scheint mit Mühe die Balance zu halten. Dass dort etwas aus dem Gleichgewicht gerät, zeigen die Neigung der Schüssel und die leichtsinnige Haltung der Figur.

Eigentlich scheint das ‚Boot‘ durch das gerippte Rohr befestigt, das die Schale durchbohrt Doch die Realität dieses Rohres ist unklar, es scheint hinter der rechts offenen Spindel, aus der junge Bäume ragen, zu verschwinden. Diese liegende Spindel variiert das weiß-bläuliche Dekor der Säule Phantasie im Vordergrund. Und sie nimmt die Equilibristik auf: Auch die Spindel liegt riskant in einem Spalt der rötlichen Halbkugel darunter.

Es sind nicht viele Details, die den Verdacht erzeugen, dass zwischen der Kleinarchitektur für die Phantasie und den Paradiesformen ein Zusammenhang besteht. Allerdings bestätigen die Tore ihn selbst.

Hintergrund mit bizarren Paradiestoren – von einer wirren Phantasie im Traum imaginiert.

Sie sind generell von Instabilität und Chaos geprägt, Labilität und Durcheinander. Was als Anomalie an der blau-weißlichen Säule auffiel, wird hinten zur Regel.

Die vier Tore, durch die Zahl und die durch sie fließenden vier Flüsse als Paradies-Tore charakterisiert sind, sind pervertierte Paradies-Tore, Produkte eines von der Phantasie eingegebenen, vom Verstand nicht kontrollierten Traums. Vor allem Paul Vandenbroeck hat verdeutlicht, dass die Anordnung der Tore auch das himmlische Paradies aufruft. Wie sie hier geträumt werden, das ist nichts weniger als ein Skandal.

Wenn man überlegt, was die Boschforschung bis jetzt über das Bild mitteilt, muss man befürchten, dass meine Lesart überzogen erscheint. Wäre es nicht möglich, dass ein eher naives Verständnis von ‚Traum’ zugrunde liegt, in dem Imagination keine Rolle spielt?

Allerdings ist der Garten der Lüste schon per Bildanlage als besondere ‚Einbildung‘ konzipiert. Das Bild ist nicht nur wie jedes andere Gemälde eine realisierte Imagination eines Malers. Denn es ist als Imagination einer Figur inszeniert, die träumt bzw. geträumt hat. Wir sehen sie, ihren Traum, ihre Imagination.

Die Frage, wie imaginatio oder Einbildungskraft, Vorstellungskraft oder phantasia im Garten der Lüste zum Subthema gemacht wurde, ist auch deshalb interessant, weil die lateinische Aufschrift auf Boschs Zeichnung Der Wald hat Ohren, das Feld hat Augen seit vielen Jahren die Frage stellt, welche Rolle die Erfindung für diesen Maler auch selbstreflexiv gespielt haben könnte. Die Aufschrift wertet die geringeren Talente ab, die nichts neues erfinden und immer vorhandene Lösungen benutzen, und plädiert für die Erfindung von Neuem.

Außerdem hatte Reindert Falkenburg gezeigt, wie in der Schöpfungsszene der Paradiestafel verschiedene Bildtypen ineinander verblendet sind. Es ist imaginierende Tätigkeit verlangt. Erst diese gedankliche Operation lässt zum Beispiel den gnadentheologischen Impuls erkennen, dass nicht Adam und Eva, sondern Christus und Eva ein Brautpaar bilden – wie schon Dirk Bax und Paul Vandenbroeck gesehen hatten, aber erst Falkenburg in den Konsequenzen erörtert hat.

Phantasie und Imagination waren Themen der Zeit um 1500. Bei zuweilen wechselnder Benennung unterschied die Seelenpsychologie eine seriös reproduzierende Kraft als eine getreue Bereitstellung nicht mehr aktuell vorhandener Wahrnehmungen (meist als imaginatio). Die kreative Phantasie erschafft dagegen neu, kombiniert, formt um, erstellt irreale Dinge. Die Unterteilung kommt implizit von Aristoteles und durchzieht das ganze Mittelalter. Auch im niederländischen Sprachraum hatte sich die Zuweisung der imaginatio für die eher vertrauenswürdigen und der phantasia für die riskanten Operationen der Seele durchgesetzt. Anschaulich wird das durch die Wörter ‚verbeeldinge’ und ‚imaginacie’ einerseits und ‚fantasie’ andererseits, das ausschließlich illusionäre und wahnhafte Gebilde meint. Der aus den gespeicherten Informationen neu kombinierenden meist phantasia genannten Vorstellungskraft nützt die Abwesenheit der ratio an meisten: Sie ist um 1500 die für Träume ausschlaggebende Seelenkraft.

Gianfrancesco Pico Mirandola vertrat eine andere Ansicht, aber was er über die Gefährlichkeit der Imagination/Phantasie schrieb, gilt wörtlich für die Psychologie und dem Baum-Menschen im Garten der Lüste: „Wird aber ein Mensch in seinem Leben und Verhalten zum Tier, so ist das die Folge davon, dass er sich der Herrschaft und Leitung der Phantasie unterworfen hat.“

Insofern ist es kein Paradox, dass das Triptychon einerseits der Einbildungskraft schöne Aufgaben stellt, sie andererseits aber denunziert, dass sie bizarre Vorstellungen vom Paradies erfinde.

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