Wenn die Sinne den Verstand beherrschen
Seele in Schlaf und Traum – Imagination, Gedächtnis und böse Phantasie
Wie ausdrücklich die rationale Geometrie des Dreiecks im Baum-Zelt sowie dessen Position den Verstand charakterisieren, lässt sich bei den beiden anderen Kleinarchitekturen ebenfalls von ihrer Form und ihrer Konstellation zueinander auf ihre Symbolik schließen. Dank Gessners Diagramm auf die Spur des Verstandes und damit der inneren Geisteskräfte geraten, ist die Auswahl danach überschaubar. Meist wurden im späten Mittelalter vier oder fünf Geisteskräfte angenommen (seltener auch mehr). Oft ist die Zahl abhängig davon, ob zwischen Phantasie und Imagination unterschieden wurde oder nicht. Dazu kamen die Verstandeskraft vis cogitiva, das Beurteilungsvermögen vis estimativa, das Gedächtnis vis memorativa und der sensus communis.

Im Garten der Lüste muss neben dem Baum-Zelt als Verstand das Portal mit dem Anbau dahinter als (positive) Imagination mit dem Gedächtnis verstanden werden. Die an ihrer Basis bläulich-weißlich schimmernde Säule daneben vertritt die (negativ verstandene) Phantasie.
Es scheint paradox, doch eine andere Möglichkeit gibt es nicht: Der Garten der Lüste, dieser Inbegriff der kreativen Phantasie, stellt der phantasia eine negative Diagnose aus.
Zunächst noch einmal zur Praxis, so etwas wie die äußeren oder inneren Sinne oder Geisteskräfte nicht in die Gehirnhöhlen in einem Kopf zu denken, sondern in die Landschaft und in Architekturen zu platzieren. Eine literarische Darstellung der äußeren Sinne nicht im Kopf, sondern ‚im Außenbereich‘, findet sich in einem älteren Conflictus animae. Darin ist ein Tugend-Hof bei der Königin Seele entworfen. Vielen Personifikationen für Tugenden und Laster agieren in Schloss, Kirche, Haus und eben auf fünf Plätzen – der Fünf Sinne.
Schon surreale Züge trägt ein knappes Jahrhundert nach Bosch die Phantasie des Edmund Spenser (1552-1599), der im 2. Buch von The Fairie Queen ein House of Temperance entwirft, eine Architektur der Seele. Im Turm dieses schwer zugänglichen Tempels wohnen die drei wichtigsten Berater der Fürstin Alma (der Seele). Vorn mittig ist dabei der unaufgeräumte Sonderling Phantastes platziert (mit ihm sind cogitiva und memoria). Also auch dort: Von der Mitte der Stirn in die Mitte der räumlich-architektonischen Inszenierung.
Zur größten, mittleren der drei kleinen Architekturen. Das Portal mit dem Anbau dahinter deutet ebenfalls durch seine Form an, was es symbolisiert. Von hinten-unten drängen Männer herauf, zwei stehen auf der Schwelle des Portals. Man kann darin die Idee erkennen, dass die Gedächtnisinhalte von der hinteren, dritten Gehirnkammer (wo sie generell verortet wurden) nach vorn gelangen. Der Imagination wurde oft die größte Rolle bei der Verarbeitung aller Signale zugesprochen. Weder ohne sie noch ohne Gedächtnis ist Denken möglich, sie gehören zusammen. Für die Imagination sollte demnach das Portal stehen, für das Gedächtnis der Anbau.


Bauten für Gedächtnis/Imagination und für die unzuverlässige Phantasie.
Dass der Geist mit Inhalten beschäftig ist, die ungehindert von hinten aufsteigen, wäre der entsprechende Vorgang für den Traum beziehungsweise den Schlaf. Der spiritus, das Transportmittel der Geistesvorgänge, steigt den Rücken empor und bringt, wenn im Schlaf keine aktuellen Sinneseindrücke vorliegen, die im Gedächtnis gespeicherten Informationen nach vorn. Dort werden sie anschließend von den kognitiven und estimativen Kräften und vom Gemeinsinn bearbeitet (diese Vorgänge wurden unterschiedlich kalkuliert).
Es sollte somit konkret die Arbeit der Psyche im Traum gemeint sein. Das würde nebenbei bestätigen, dass die vordere Figur in der Höhle geträumt hat, dass das ganze Mittelbild einen Traum präsentiert.
Ein weiteres feines Detail deutet auf Gedankentätigkeit im Schlaf und Traum: Allzu offensichtlich ist links des Portals darauf geachtet worden, dass es keinerlei Kontakt zwischen dem Portal, also der Imagination, und dem Baum-Zelt als Verstand-Dreieck gibt. Denn der Verstand kann im Traum nicht eingreifen, er bleibt abseits dessen, was die Imagination produziert. Wir sehen die Gedächtnisinhalte ‚aufsteigen‘ zur Imagination, der Verstand bleibt distanziert. Zu den Folgen komme ich gleich. Wohingegen gegenüber, rechts des Portals, der Übergang zwischen Imagination/Gedächtnis (Portal/Anbau) und Phantasie (weißliche Säule) fließend ist: Denn die Phantasie waltet im Traum wie sie will.
Zur dritten Kleinarchitektur: Schon die Basis der bläulich-weißlichen Säule, deren Material entfernt an ein Ei erinnert, ist brüchig. Risse durchziehen die neben der schwarzen Frau sichtbare Fläche. Oben liegt eine Muschel – wieder eine Muschel. Sie liegt wie in einem Nest auf dem Bewuchs, der die konisch zulaufende irreale Säule ungeordnet bedeckt und auch an den Seiten wächst. Die schräge, unsichere Platzierung der glatten Muschel im Nest wird vom labilen Stand des eiförmigen Marmors auf der Muschel noch übertroffen. Dieses rötliche marmorierte Ei müsste eigentlich sofort herabrutschen. Die Kleinarchitektur für die Phantasie zelebriert somit ein Formklima, das zu warnen scheint, dass Phantasiegebilde zusammenbrechen können wie ein Kartenhaus.
Als Gegensatz zur klaren Trennung zwischen Verstand und Imagination ist hier wie schon erwähnt der fließende Übergang zwischen Phantasie und Gedächtnis im Schlaf indiziert.

Die beiden bauchigen Formen mit schwarzer Diamantschnitt-Spitze sowohl am Anbau des Portals als auch daneben als Marmor-Ei belegen es. Für die These, dass die äquilibristische Labilität der Kleinarchitektur für Phantasie auch die pervertierten Paradies-Tore im Hintergrund charakterisiert und diese damit als bizarre Leistungen einer trügerischen Phantasie kennzeichnet, verweise ich auf die Seite über Phantasie/Imagination im Garten der Lüste (siehe hier).
Soweit wäre eine Grundstruktur der Wahrnehmung und ihrer Verarbeitung beisammen: die äußeren Fünf Sinne, dazu Gemeinsinn, Verstand, Gedächtnis, Imagination und Phantasie, also auch fünf innere Geisteskräfte.
Möglicherweise ist diese Zählung bisher unvollständig, weil zwar zwischen den positiven und negativen Effekten der Imagination/Phantasie unterschieden wurde, weil aber eine bisher noch fehlende bewertende Geisteskraft estimativa dazukommen kann. Nun, die Theoretiker der Seele waren alles andere als einig, und es erscheint ohnehin gewagt, in einem Bild ein konkretes Erkenntnismodell zu diagnostizieren. Der Garten der Lüste ist kein theoretisches Traktat.
Gleichwohl ist die folgende Überlegung legitim. Die vis estimativa könnte als Persiflage ergänzt worden sein. Weil das Baum-Zelt die Form für die Verstandeskraft ist, fällt die Szene dahinter in dieser Hinsicht als besonders witzig ins Auge. Ein Neuntöter sitzt auf einem Aststumpf des Baum-Zeltes und reicht offenbar in seinem Schnabel eine Frucht hinunter, wo eine Gruppe von Männern die Münder nach oben aufsperrt wie Vogeljunge.


Tierische Gier als Karikatur der vis estimativa und vorbildliches Kosten im ‚Verhaltensgebot‘.
Thomas von Aquin unterschied wie andere Denker die direkt-affektive vis aestimativa von der vis cogitativa, die ebenso differenzierende Bewertungen erzielt. Er unterschied ebenso zwischen tierischer und menschlicher estimativa: Das Schaf reagiert instinktiv auf den Wolf, es ist in der Lage die Situation korrekt zu bewerten, wir würden sagen: instinktiv. Der Mensch verliert diese Fähigkeit nicht und erweitert sie kognitiv. Diese kognitiv-estimative Qualität ist als schon verallgemeinernde und also höhere rationale Fähigkeit den Menschen vorbehalten.
Allerdings, so Thomas von Aquin, würden Kleinkinder zuweilen ähnlich affektiv reagieren wie Tiere. Der Säugling reagiert mit seiner ‚Gier nach dem Futter‘ auf die Brust der Mutter animalisch-estimativ, das ist das Beispiel des Aquinaten. Grundsätzlich unterscheidet er also estimativ beziehungsweise cogitativ zwischen Tieren und Menschen und schreibt der vis aestimativa eine spezifische Funktionsweise als instinctus naturalis zu. Man muss nicht lange begründen, warum das Geschehen hinter dem Baum-Zelt – die Fütterung vom Symbol für die Verstandeskraft herab – mit den instinktiv aufgesperrten Mündern all jene karikiert, bei denen es nur bis zur animalischen vis estimativa reicht.
Somit wäre alles beisammen, und wie bei den äußeren Sinnen als heftige Satire: Sich überkreuzende Gliedmaßen bei einem Verstand gleichsam als ‚Liebeszelt‘, ohnehin aus dem Drittel mit dem bewusstlosen Sündenritt gespeist. Dorthin schickt auch die Imagination ein Tentakel.

Das Portal der Imagination hat zwar eine schmucke Haube – Peter Glum sah sich an den Kopfschmuck der Frau im ‚Gothaer Liebespaar‘ erinnert. Doch das übrige Dekor ist alles andere als positiv. Außerdem ist man durch die verzückten Gesichter und den Mann, der sich von rechts außen heranbeugt, wiederum provoziert (wie Reindert L. Falkenburg notiert hat) dort einen Sexualakt zu vermuten – wieder in verbotener Stellung. Und nun gar als ménage à trois? Das Gedächtnis kommt zwar am besten weg, ist aber freilich nur eine provisorische Bude, und für die Denunziation der Phantasie sei nur auf die Muschel verwiesen. Kurz: Wie die äußeren Sinne sind auch die inneren, die Geisteskräfte, durch und durch verdorben. Wie soll Gott diese Seele retten?