Der Garten der Lüste · Teil 12

Andere Zweifel und Widerstände

Ist jede Bemühung zwecklos? Ist der Bosch-Garten ein Suchbild ohne präzisen Sinn?

In einer Keynote zur Bosch-Konferenz 2016 fragte Larry Silver, warum die Boschforschung so wenig mit den Ergebnissen von Reindert Falkenburg weiterarbeite. Zwar war dessen Buch The Land of Unlikeness: Hieronymus Bosch, The Garden of Earthly Delights erst fünf Jahre früher erschienen, doch hatte er wesentliche Züge davon schon vorher vorgestellt, auch auf einer Bosch-Konferenz.

Falkenburgs Buch hatte mit den Rezensionen keine Fortune (ich kenne nicht alle), einige kamen von Kollegen, die selbst schon über das Bild geschrieben hatten und ihr Bias nicht aufgeben konnten. Schade ist das, weil Falkenburgs genaue Beobachtung frühere Pauschalitäten differenziert, nach denen im Paradies ausschließlich das biblische Paar Adam und Eva, ihre Eheschließung und Evas Zuführung zu Adam durch Gott und dessen Aufforderung ‚Seid fruchtbar und mehret Euch!‘ verhandelt sei. Falkenburg erweiterte diese Lesart wesentlich. Er machte deutlich, dass der Kontakt zwischen Adams Fuß und Christus – mit gekreuzten Füßen Adams – unhintergehbar ist. Denn gleichzeitig wird gegenüber an die Geburt der Eva angespielt, und dann ist dieser Adam (fast) geadelt: Nicht nur ist typologisch die Geburt der Kirche (am Kreuz) aufgerufen, sondern Adam hat in seinem tiefen Traum während Evas Erschaffung Anteil am großen Mysterium, dem sacramentum magnum, deshalb seine großen Augen. Da ist mehr als ‚Ehe-Gebot‘, ‚Fortpflanzung‘, ‚Fruchtbarkeit‘.

Schöpfungsszene: Ein feines Spiel von rechts-links, von Berührungen und Haltungen, beginnt.

Diese Typologie schwingt immer mit. Wenn es Hinweise darauf gibt, ist sie unbedingt zu kalkulieren. Falkenburg hat sie als ‚para-typologisches‘ Prinzip des erinnernden Sehens zur Besonderheit des Triptychons aufgewertet. Entweder machte diese Betonung seine Lesart angreifbar oder die kritisierenden Kollegen übersahen bei ihrer Abwehr die generelle Gültigkeit der Typologie – was angesichts der Hinweise im Bild selbst fahrlässig ist. Es gab darüber hinaus grundsätzliche Kritik an dieser Art ikonografischer und ikonologischer Analyse, dazu siehe unten.

Die Boschforschung geht ohnehin – aber wo ist das anders – krumme Wege. Im langjährigen Kampf gegen die populären Thesen Wilhelm Fraengers und gegen diverse ‚esoterische Adepten‘ hatte man sich zuweilen recht national, ja regional brabantisch eingeigelt, hatte allzu sehr dem volkskundlichen Wissen von Dirk Bax vertraut und sich für theologische Erklärungen nicht mehr interessiert.

Nebenbei sei bemerkt, dass der Garten der Lüste, obwohl das Objekt einer Flut von Veröffentlichungen, von den diversen Turns zwischen Kunstgeschichte und Bildwissenschaft wenig betroffen war. Von einer älteren Ausnahme soll die Rede sein. Sie macht verständlich, warum das Triptychon zuletzt wiederholt als hermetisch oder mindestens als absichtlich vieldeutig bezeichnet wurde, um dessen detailliertes Verständnis man sich folglich umsonst bemühe.

Der Literaturwissenschaftler Albert Cook war wohl der erste, der die Schwerlesbarkeit des Triptychons zeichentheoretisch erörterte. Den Grund dafür machte er im ‚change of signification‘ aus, so im Titel seines Aufsatzes von 1984. Einfach gesagt: Im Gegensatz zu anderen Malern, die thematisch und also sprachlich bekannte Themen mit wiedererkennbaren Sujets und Details malten, habe Bosch sowohl Thema als auch visuelle ‚Sprache‘ erfunden. Seine Bildlichkeit und ihre Erfindungen bezögen sich – wie zum Beispiel Botticelli in der Primavera – fast ausschließlich auf die eigene Erzählung. Die aber sei unbekannt, heterogen und unüberschaubar, vielteilig und vielfältig. Bosch erschaffe Formen und Bildpartien, für die es weder Begriff noch Summe gäbe, und er verletze Regeln. Folglich sei die ‚eindeutige Lesart‘, darauf kommt es Cook an, per se verhindert. ‘Consequently even the most strenuous attempts to provide a plausible univocal reading, a story, for The Garden of Earthly Delights, the Primavera… have notably foundered.’

Prinzipiell unmöglich sei es nicht, den Garten der Lüste zu verstehen, es sei charakteristisch für Bosch ‚to create a new and powerful visual algebra whose equations we are just beginning to learn to read‘.

Ebenfalls zeichentheoretisch näherte sich Keith Moxey mit dem Aufsatz Hieronymus Bosch and the ‚World Upside Down‘ (1994). Geprägt von visual culture und pictorial turn, ging Moxey einen Schritt weiter. Er begrüßte zwar die kulturhistorischen Aspekte zum Beispiel von Paul Vandenbroeck, wandte aber ein, dass Boschs ‚visual motifs did not possess the specific meanings‘, die aus ihnen abgelesen worden seien. Stattdessen wäre Boschs Bildlichkeit ‘to a large extent incapable of being read and that it was this very quality that enhanced its appeal for a humanistically educated audience.’ Er erörtert die Bildlichkeit Boschs von dessen aristokratischen Käufern aus, bei denen Bosch sich als Inventor und ‚Genius‘ zu empfehlen gedachte. Es seien gerade die fantastischen Erfindungen, deretwegen der Maler in humanistischen Kreisen geschätzt worden sei. Genau zu diesem Zweck seien sie gemacht worden.

Die Verschiebung von frechen Details von den Rändern der Buchillustration – aristokratische Kunst – in die Mitte des Bildes und die Etablierung des subversiven, im Adel populären ‚world upside down‘ hätten die gleiche Funktion gehabt. Bosch hätte eine fantastische Bild-Oberfläche zusammengemixt, einen Trubel von Signifikanten, die keine mehr sind, weil sie keine Signifikate mehr haben. Seine ‘deliberate creation’ sei folglich ‘not a precondition to the work of interpretation.’ Leider war diese aus dem visual turn verständliche Verengung auch die Grundlage für Moxeys Rezension von Falkenburgs Buch im Jahre 2012. Er fasst zusammen: ‘The text-driven quality of the analysis, its obsession with iconographic meaning, falters in the face of a painting that so clearly seeks to escape linguistic entanglement. Falkenburg’s narrative fails to register the autonomy of Bosch’s visuality.’

Keith Moxey ist ein renommierter Wissenschaftler, sein Aufsatz über Bosch wurde regelmäßig zitiert und hat wohl dazu beigetragen, dass der Garten der Lüste zunehmend ambig oder ambivalent verstanden wurde – mindestens, weil die ikonische Differenz die genaue Analyse behindere. Bis hin zu Hans Belting (2002) und Reindert Falkenburg ist dieses Echo vernehmbar. Freilich verzichteten diese beiden und viele andere nicht darauf, eine These der anderen vorzuziehen, weil sie sie für wahrscheinlicher hielten. Man will verstehen, und möglichst richtig. Aus meiner Perspektive – angesichts der detaillierten Präzision des Systems der Sinne (hier, hier und hier), der Geisteskräfte (hier und hier), des moralischen Appells und der Androhung der Höllenbestrafung (hier und hier) sowie der Indizierung eines Traums (hier) im dann ganz und gar nicht mehr unübersichtlichen Garten der Lüste wirkt Moxeys Ansicht ganz und gar historisch.

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